Wenn sich keiner traut, dann kommen wir nie voran

Wenn sich keiner traut, dann kommen wir nie voran

Homosexuelle Fußballer sollten mit ihrem Coming-out bis nach der Karriere warten, sagt Ex-Nationalspieler Philipp Lahm. Benjamin Näßler widerspricht. Als »Mister Gay Germany« kämpft er für mehr Toleranz im Sport.

SPIEGEL: Homosexuelle Fußballerinnen und Fußballer sollten nach Ansicht des ehemaligen Nationalmannschaftskapitäns Philipp Lahmmit einem Coming-out warten, bis die aktive Phase ihrer Karriere vorbei ist. Wie sehen Sie das?

Näßler: Im Grundsatz hat er recht. Homosexualität ist immer noch ein Tabuthema, was Spieler aushalten müssen. Dennoch sind die Aussagen ein Rückschritt, weil es eine Absolutheit suggeriert und auch andere Mitspieler damit reinzieht. Das hilft dem Kampf um Akzeptanz nicht weiter und zeigt eher das Problem auf. Philipp Lahm war einer der besten Fußballer, die wir in Deutschland hatten und ist sogar Turnierdirektor der EM 2024, er hat eine besondere Verantwortung. 2013 hat er noch in einem Interview gesagt, dass es das gute Recht eines jeden Menschen ist, sein Coming-out zu haben. Acht Jahre später relativiert er das jetzt mit seinen Aussagen. Es wäre besser gewesen, wenn er Lösungsansätze vorgeschlagen und seine Unterstützung ausgesprochen hätte.

SPIEGEL: Mit Ihrer Kampagne »Doppelpass« setzen Sie sich dafür ein, dass homosexuelle Fußballer in Zukunft nicht mehr diskriminiert werden. Was muss dafür getan werden?

Näßler: Trainer und Verantwortliche müssen sensibilisiert werden – vor allem, wenn es um Sprache geht. Bemerkungen, wie »schwuler Pass« oder »Schiri, du Schwuchtel« müssen korrigiert werden. Zudem fehlt vielen das Bewusstsein, dass es homosexuelle Fußballspieler überhaupt in der Mannschaft gibt und man diesen mit homophoben Äußerungen schadet. Wenn man eine Willkommenskultur schafft, die nicht nur aus Worthülsen besteht, sondern auch Taten folgen lässt, würden mehr Homosexuelle ihr Coming-out wagen. Deshalb sollte die Botschaft deutlich sein: Homosexualität bei Spielern hat in unserer heutigen Zeit keine Relevanz, denn im Fußball geht es um den Erfolg, und es ist dabei völlig egal, wen du liebst. Wenn das ankommt, kann ich mir auch vorstellen, dass es vorangeht.

SPIEGEL: Hätten Sie sich diesen Halt während Ihres Coming-outs gewünscht?

Näßler: Ja. Ich musste mich immer wieder verleugnen. Darüber machen sich Heterosexuelle keine Gedanken. Zudem war ich verunsichert, weil meine Mutter für die katholische Kirche arbeitete und wir in einer ländlichen Gegend mit 10.000 Einwohnern lebten. Ich hatte nie das Gefühl, in meinem Fußballverein offen schwul sein zu können, weil ich die Sprüche kannte. Ich wusste, was die Menschen in meiner Umgebung mit dem Wort schwul assoziierten. Das war nie etwas Gutes.

SPIEGEL: Lahms Eindruck entgegen steht eine Veröffentlichung in der neuen Ausgabe des Magazins »11FREUNDE«. Dort sagen 800 Spielerinnen und Spieler der deutschen Profiligen homosexuellen Kolleginnen und Kollegen ihre Unterstützung zu.

Näßler: Das ist genau der richtige Weg. Der Fußball hat eine Chance voranzugehen und noch mehr Kinder und Talente für Fußball zu begeistern, wenn sie wissen, dass sie sich verstanden fühlen. Viele beenden leider auch ihre Karriere frühzeitig, weil sie den Druck nicht mehr aushalten konnten. Ich habe gesehen, dass auch DFB-Präsident Fritz Keller sich mit dem #ihrkönntaufunszählen sympathisiert hat, aber ein Foto allein zu posten, reicht nicht. Wenn er Vielfalt im Fußball haben will, dann muss er im wahrsten Sinne des Wortes auch Flagge zeigen. Der DFB ist in der Umsetzung noch viel zu langsam unterwegs.

Näßler: Ich glaube nicht, dass die Zeit noch reifer werden kann. Der Fußball hinkt der Gesellschaft mehrere Schritte hinterher. Wenn sich keiner traut, dann kommen wir nie voran. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Fußballverein in der heutigen Zeit einen Profi rauswirft nur, weil er homosexuell ist. Das könnte sich kein Verein erlauben. Doch durch ein Coming-out verschwinden nicht die Probleme.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Näßler: Das Coming-out von Thomas Hitzlsperger vor rund sieben Jahren blieb weitgehend folgenlos. Es gab kurzzeitig eine große Aufmerksamkeit, aber danach passierte wenig. Heute hätte es ein Amateurspieler nicht zwingend leichter, weil ein Profi sein Coming-out hatte.

SPIEGEL: Der Chef-Organisator der Fußball-WM 2022 in Katar fordert homosexuelle Besucher auf, keine öffentlichen Zuneigungen zu zeigen. Vor Ort droht ihnen eine Haft bis zu fünf Jahre. Würden Sie als Fan nach Katar reisen?

Näßler: Unter diesen Bedingungen nicht. Menschliche Grundrechte enden nicht an Grenzen. Wenn ein Land wie Katar diese Rechte mit Füßen tritt, hat eine weltoffene Veranstaltung dort eigentlich nichts zu suchen. Um darauf aufmerksam zu machen, habe ich gemeinsam mit einem Freund die Petition »Liebe kennt keine Pause« ins Leben gerufen. Wir wollen den DFB hinsichtlich der WM 2022 dazu bringen, ein klares Zeichen gegen die Diskriminierung in Katar zu setzen. Dazu haben wir den DFB bereits kontaktiert, aber bisher keine Antwort erhalten.

Quelle: Spiegel.de

Share with

Schreibe einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Shopping Cart

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.