So will der neue Mr. Gay Germany Homophobie im Fußball bekämpfen

So will der neue Mr. Gay Germany Homophobie im Fußball bekämpfen

“Schwuler Pass, schwuler Ball” – solche Sprüche sind alltäglich auf vielen Fußballplätzen. Benjamin Näßler hat eine Kampagne gegen Homophobie in Fußballvereinen gestartet. Denn oft trauen sich Betroffene nicht, darüber zu sprechen.

„Stell dich nicht so an wie ne Schwuchtel, spiel‘ mal ein bisschen männlicher und nicht so wie eine Tunte“ – dieser Spruch fiel in Benjamin Näßlers Fußballverein. Auch in anderen Vereinen sind solche Sprüche oft an der Tagesordnung. Benjamin Näßler will das jetzt ändern. Als frisch gekürter Mr. Gay Germany hat er unter anderem die Aufgabe, die LGBTQI-Community mit einer Kampagne zu unterstützen. Darum hat Benjamin “Doppelpass” ins Leben gerufen. Er hat sich zum Ziel gesetzt, schwule Fußballer mit Gesprächsangeboten zu unterstützen. Denn die Vereine selbst tun noch zu wenig, wenn es um das Thema Homophobie geht.

PULS: Du hast die Kampagne „Doppelpass“ gestartet, die sich gegen Homophobie im Fußball richtet. Welche Diskriminierungen sind dir denn schon im Fußballverein passiert?

Benjamin Näßler: Ich habe selber keine persönliche Diskriminierung erfahren oder körperliche oder psychische Gewalt. Bei mir auf dem Sportplatz waren es vielmehr die Sprüche wie “schwuler Pass, schwuler Ball”, die mich belastet haben. Ich war auch im Fußballverein nicht geoutet und habe dann immer in gewisser Weise mitgelacht, damit ich nicht auffalle.

Wie hast du dich damit gefühlt?

Für mich war es selbstverständlich, dass ich mich in diesem Moment nicht outen wollte. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mich jetzt oute, dann stelle ich mich in gewisser Weise ins Abseits.

Ich glaube allerdings auch, dass diese Sprüche gar nicht homophob gemeint waren. Das kann ich jetzt mit einem gewissen Abstand sagen. Nichtsdestotrotz ist es natürlich für junge schwule Sportler*innen ganz klar so, dass solche Sprüche eine bestimmte Wirkung haben.

Welche Formen der Diskriminierung sind dir noch begegnet?

Es gibt diskriminierende Fangesänge. Das finde ich sehr problematisch. Diese Gesänge richten sich oft gegen eine Person, aber diejenigen, die singen, befinden sich in einer anonymen Masse und stacheln sich gegenseitig an. Ich würde mir wünschen, dass sich die Fans da mehr Gedanken machen. Weil: Im Endeffekt rücken sie damit ja auch ihre Mannschaft in ein schlechtes Licht.

Du kritisierst, dass es bei homophoben Vorfällen oft keine Ansprechpartner*innen gibt – wie war das bei dir?

Es gab häufig Momente, in denen ich mir gedacht habe: Jetzt hätte ich gern mal jemanden, mit dem ich darüber reden kann. Ich hätte mir einfach einen Ansprechpartner gewünscht – entweder im Verein oder auch im Verband. Jemand, an den ich mich anonym hätte wenden können. Das ist ja auch die Idee meiner Kampagne: Ich möchte eine gewisse Sichtbarkeit für das Thema herstellen. Ich glaube, dass sich viele junge Menschen im Sport wünschen, hier mehr Unterstützung zu bekommen.

Wie willst du die Situation verbessern?

Ich habe jeden der 21 Landesverbände in Deutschland angeschrieben und festgestellt: Es gibt keine Ansprechpartner für das Thema, beziehungsweise, wenn es Ansprechpartner gibt, dann sind sie auf den Homepages schwer zu finden. Das Ziel der Kampagne „Doppelpass“ ist, dass jeder Landesverband künftig eine Person installiert, die für das Thema verantwortlich ist. Außerdem sollen in jedem Verein Plakate mit dieser Person aufgehängt werden, damit Betroffene das Angebot schnell und unkompliziert in Anspruch nehmen können. So können wir die Hürde, dass jemand erst ins Internet gehen und sich mühsam jemanden heraussuchen muss, verringern. Dadurch erhoffe ich mir auch, dass diejenigen, die diese Sprüche machen, also die heterosexuellen Spieler und Spielerinnen, zum Nachdenken angeregt werden.

Wie kommt denn die Kampagne bisher an?

Das Feedback auf die Kampagne ist sehr positiv und das ermutigt mich, am Ball zu bleiben. Viele meiner Freunde haben mir gesagt, dass auch sie schon Diskriminierung erfahren haben. Es war zum Teil sogar so, dass sie sich gar nicht erst im Sportverein angemeldet haben, weil sie Angst hatten, im Verein zwangsgeoutet zu werden oder sie sich selber irgendwann – mit einem falschen Satz – unabsichtlich outen. Das find ich schon sehr, sehr schade.

Nach seinem Outing hat Thomas Hitzlsperger viel über Homophobie im Profifußball gesprochen. Er hat sich aber erst nach seiner aktiven Zeit geoutet. Sind wir seitdem weiter? Können Profifußballer offen über ihre Homosexualität sprechen?

Der Druck von außen ist sehr groß. Ich glaube, es ist schwierig, dass Fußballer immer befristete Verträge haben. Sie müssen sich also vorher ganz genau überlegen, ob sie wirklich den Schritt gehen wollen, sich zu outen. Aufgrund der Medienöffentlichkeit, die Profifußballer nun mal haben, können sie das Coming-Out ja nicht mehr rückgängig machen und bei einem Vereinswechsel ins Ausland, in eine andere Kultur, die vielleicht weniger offen mit dem Thema umgeht, könnte das dann zum Problem werden. In Italien beispielsweise ist man was die Themen Rassismus oder auch Diskriminierung angeht nicht so offen wie in Deutschland. Ich glaube, wenn sich die Spieler nur hier in Deutschland outen könnten, gäbe es nicht so eine große Hemmschwelle. Wobei man aber auch nicht vergessen darf, dass es auch hier Vorurteile gegenüber schwulen Spielern gibt.

Wie sieht es denn mit Diskriminierung abseits vom Fußball aus? Gibt es Sportarten, wo das Thema besser gehandhabt wird?

Ich habe bisher neben dem Fußball nur Leichtathletik gemacht und festgestellt, dass Diskriminierung in der Leichtathletik überhaupt kein Thema war. Leichtathletik ist kein Teamsport und es geht im Vergleich zum Fußball längst nicht so emotional zu. In der Leichtathletik ist es einfach generell viel familiärer und da feuert man sich auch gegenseitig mal an – Diskriminierung ist da überhaupt kein Thema. In den anderen Sportarten kann ich es aber überhaupt nicht einschätzen, weil ich sie selber nie ausgeübt habe.

Was rätst du jungen Sportler*innen, die in einer ähnlichen Situation sind wie du damals?

Also ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man Freunde oder Familie hat, mit denen man über das Thema reden kann. Wenn ich meinem 15-,16-jährigen Ich einen Rat geben könnte, wäre es der, dass ich mich hätte trauen sollen, mich meiner Familie anzuvertrauen. Ich glaube, dass viele Familien entspannter mit dem Thema umgehen, als man es sich vorher vielleicht ausmalt. Es gibt aber natürlich kein Patenrezept: Jeder muss für sich selber versuchen einzuschätzen, wie die Freunde und die Familie so drauf sind, und ob sie geeignete Vertrauenspersonen sein können.

Wie können die Vereine Sportler*innen noch besser unterstützen?

Jeder Verein kann zu dem Thema eine eigene Charta aufsetzen: Der richtige Ansatz wäre, dass der Verein sagt, für uns spielt der Erfolg der Mannschaft eine Rolle, bei uns spielen der Spaß und das Miteinander eine große Rolle. Aber nicht, welche sexuelle Orientierung, Religion, Hautfarbe oder Herkunft jemand hat.

Von: Cosima Weiske

Bild: BR Maximilian Fesl

Quelle: BR

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